Neue Väter braucht das Land

Überall sieht man sie schon – die neuen Väter: auf dem Spielplatz, beim Einkaufen mit dem Nachwuchs im Einkaufswagen, in der Eisdiele, vor dem Schulhof, wo dem Sohn oder der Tochter noch schnell die Jacke zugezogen wird oder auch mal gemeinsam mit einem Kumpel zwei Kinderwagen vor sich her schiebend. Mit neuer Selbstverständlichkeit erobern Papas sich Plätze, die in meinem Kopf bisher ausschließlich mit Mamas besetzt waren. Und ich finde das großartig! Und lange überfällig, wenn ich ehrlich bin.

Es gibt unzählige Studien, die belegen, dass sowohl Väter als auch Mütter sich mehr Gleichberechtigung im Bereich der Kinderbetreuung wünschen. Etwa 60% der Eltern mit Kindern unter 3 Jahren wünschen sich sogar eine komplett gleichberechtigte Aufteilung von Erziehungs-, Erwerbs- und Hausarbeit. Tatsächlich nimmt auch die Erwerbstätigkeit von Müttern immer mehr zu. Trotzdem sind immer noch über 90% der Väter in Vollzeit erwerbstätig, während die Mamas meistens einer Teilzeitbeschäftigung nachgehen. Wieso!?!

Männer und die Elternzeit

Zuerst die gute Nachricht: jeder dritte Papa geht mittlerweile in Elternzeit, mit steigender Tendenz. Aber: fast zwei Drittel der Väter nutzen nur die Mindestbezugszeit von 2 Monaten. Mit der gewünschten Gleichberechtigung hat das (noch) nicht viel zu tun, oder?

Die neuen Väter möchten keine reinen „Versorger“ mehr sein, wie es früher meistens der Fall war. Die klassische Rollenverteilung hat ausgedient. Zum Glück, denn die wollen auch wir Frauen nicht mehr. Fast alle nicht. Papas möchten gerne für die Familie da sein, eine feste Bindung zu ihren Kindern haben und die schönen Momente voll genießen können. Die ersten Schritte und ersten Worte genauso miterleben, wie die Mamas auch. Am Fußballplatz stehen und ihren Nachwuchs anfeuern, Gedichte auswendig lernen und Vokabeln abfragen. Aber wieso bleibt die meiste Haus- und Betreuungsarbeit dann immer noch an den Mamas hängen und die Papas arbeiten weiterhin meistens in Vollzeit?

Geld bindet Papas an die Arbeit

Ganz häufig sind finanzielle Faktoren der Grund. In vielen Familien verdienen die Männer immer noch entweder mehr als die Frauen oder zumindest gleich viel. Wenn länger als zwei Monate 35% des Nettogehalts wegfallen, können viele Familien ihren Lebensstandard nicht halten. Gerade, wenn noch ein kleiner Mensch dazu kommt, der auch versorgt werden muss, wird das Geld oft knapp. Dazu kommt die Angst vor Nachteilen an der Arbeit durch die Auszeit, wenn nicht sogar die Angst vor der Kündigung. Für die Zeit, die ein Papa in Elternzeit an der Arbeit ausfällt, muss der Arbeitgeber natürlich für Ersatz sorgen. Und da wird bei kürzerer Auszeit die Arbeit häufig auf die restlichen Kollegen aufgeteilt. Gerade in Branchen, in denen die Nutzung der Elternzeit durch Papas noch nicht ganz so selbstverständlich ist, kann das für ziemlichen Unmut unter den Kollegen führen.

Wissenschaftlich belegt ist ein Nachteil für Väter durch die Inanspruchnahme der Elternzeit aber nicht. Allerdings nehmen bisher auch nur wenige Papas eine längere Auszeit als zwei Monate. Für Mamas ist dagegen sehr wohl wissenschaftlich dokumentiert, dass eine längere Auszeit aus dem Beruf negative Auswirkungen hat, vor allem auf zukünftige Löhne und Karrieren und dadurch natürlich auch auf die spätere Rente (zu diesem Thema empfehle ich unseren Blogbeitrag über arbeitende Mamas).

Was können Arbeitgeber tun, um Papas in Elternzeit zu unterstützen?

Wie kommen wir in Deutschland zu solch einer selbstverständlichen Gleichberechtigung von Männern und Frauen in Job UND Familie? Wie können Arbeitgeber so ein gesellschaftliches Umdenken unterstützen? Wir haben da ein paar Ideen:

  • Größeren Unternehmen fällt es meistens etwas leichter, eine Elternzeit aufzufangen, da die Aufgaben auf mehrere Schultern verteilt werden können. Springer und agile Vertretungslösungen können hier helfen.
  • Kleinere Betriebe müssen da schon deutlich mehr planen. Helfen könnte eine temporäre Hilfe oder ein Tandem-Projekt, falls der Papa nach oder während der Elternzeit eine Weile in Teilzeit arbeiten möchte.
  • Denkbar wäre auch eine Art Väterschutz, um die Angst vor Kündigungen zu vermeiden.
  • Sowohl für Mamas als auch Papas und letztendlich auch die Unternehmen selbst sind flexible Arbeitszeiten hilfreich (was leider nicht immer und überall möglich ist).
  • Aufstiegsmöglichkeiten muss es auch in Teilzeit-Beschäftigung geben. Gleiches gilt für Weiterbildungsoptionen. Wenn uns die letzten herausfordernden Homeoffice-Monate eins gezeigt haben, dann dass das Führen eines Teams keine dauerhaft physische Anwesenheit braucht.
  • Unbedingt notwendig ist der Ausbau der Kinderbetreuungsangebote. Hier ist zugegebenermaßen vor allem der Staat in der Pflicht, aber auch die Einrichtung von Betriebskindergärten wäre vor allem bei größeren Unternehmen denkbar.

Langfristig wird vermutlich (hoffentlich) der Dominoeffekt helfen. Je mehr Papas in Elternzeit gehen, umso selbstverständlicher wird es werden. Vielleicht hat auch die Corona-Pandemie schon für ein wenig mehr Verständnis für arbeitende Papas gesorgt, die Familie und Job miteinander vereinbaren wollen. Dass sie es können, haben sie mittlerweile ausreichend bewiesen. Wer kennt nicht das Video des CNN-Interviews mit Trivago-Chef Axel Hefer im Homeoffice, das durch dessen Sohn gecrasht wurde? Sowohl der Papa als auch der Interviewer, Richard Quest, haben sehr sympathisch, souverän und überhaupt nicht unprofessionell reagiert. Hoffentlich behalten wir uns diesen Teil der neuen Realität auch nach überstandener Pandemie bei.

 

 

Quellen:

https://www.dji.de/fileadmin/user_upload/bibs2015/Vaeterreport_Langfassung.pdf

https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2019/02/PD19_061_122.html

Institut für Demoskopie Allensbach (2015): Weichenstellungen für die Aufgabenteilung in Familie und Beruf, Allensbach.

Statistisches Bundesamt (2017): Statistik zum Elterngeld. Beendete Leistungsbezüge für im 2. Vierteljahr 2015 geborene Kinder. Eigene Darstellung Prognos AG.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte füllen Sie dieses Feld aus.
Bitte füllen Sie dieses Feld aus.
Bitte gib eine gültige E-Mail-Adresse ein.

Menü
Send this to a friend